Absprung und Biomechanik – Kräftewirkung beim Hochsprung

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Bevorstehend

Biomechanische Analyse des Absprungs: resultierende Kraft, Impulsübertragung und optimaler Absprungwinkel.

Ziele dieses Moduls
  • Sie können die beim Absprung wirkenden Kräfte benennen und die resultierende Kraft grafisch darstellen.
    Analysieren
  • Sie können erklären, wie die Anlaufgeschwindigkeit in vertikale Kraft umgewandelt wird.
    Verstehen
  • Sie können den Begriff ‘resultierende Kraft‘ auf den Hochsprung-Absprung anwenden.
    Anwenden

Der Absprung ist der entscheidende Moment beim Hochsprung. In diesem Modul untersuchen wir, welche Kräfte beim Absprung wirken, wie sie zusammenwirken und was die Physik über den optimalen Absprungwinkel aussagt.

Aufbaureihe: Den Absprung erlernen

Der Absprung ist das technisch anspruchsvollste Element. Er wird deshalb in isolierten Übungsformen erarbeitet, bevor er in den vollständigen Sprung integriert wird. Reihenfolge einhalten!

Stufe 1 – Steigsprung aus dem Stand

Aus dem Stand einbeinig so hoch wie möglich springen. Schwungbein explosiv nach oben, beide Arme gleichzeitig nach oben (Doppelarmzug), Absprungbein vollständig strecken. Ziel: Das Gefühl der Ganzkörperstreckung spüren.

Stufe 2 – Kasten aufspringen mit Vierteldrehung

Aus 3-Schritt-Anlauf einbeinig auf einen Schwedenkasten springen, dabei eine Vierteldrehung ausführen (so dass man seitlich zum Kasten landet). Kräftiger Doppelarmzug. Der Kasten steht sicherheitshalber an der Wand. Diese Übung schult den aktiven Absprung mit Drehmoment – genau wie beim Flop.

Stufe 3 – Standabsprung rückwärts vom Kasten

Auf dem Kasten stehen (Rücken zur Matte). Mit einem kräftigen Doppelarmzug vom Kasten abspringen und rückwärts auf der dicken Matte landen – Hüfte dabei aktiv nach oben drücken (Brückenstellung). Diese Übung schult die Flugposition ohne Anlaufdruck.

Stufe 4 – Absprung vom Reutherbrett / Langbank

Aus 3-Schritt-Anlauf mit Absprung von einer Langbank oder einem Reutherbrett. Das erhöhte Absprungpunkt erleichtert die Rotation und gibt mehr Zeit für die Flugphase. Gummiseil statt Latte verwenden. Fokus: jam-ta-tam Rhythmus beibehalten.

Stufe 5 – Absprung mit Kurvenanteilen (3-Schritt-Bogenanlauf)

Letzten drei Schritte als Bogenlauf (jam-ta-tam), dann explosiver Absprung. Noch kein vollständiger Flop nötig – der Absprung steht im Zentrum. Beobachtungskriterium: Ist das Absprungbein am Ende vollständig gestreckt?

Warning

Häufige Fehler beim Absprung – und Korrekturen

  • Fehler: Oberkörper neigt zur Latte (Sprung gegen die Latte statt über sie)
    Korrektur: Absprungfuss bewusst etwas gegen die Latte versetzen, Oberkörper zum Kurvenmittelpunkt neigen
  • Fehler: Geschwindigkeitsverlust vor dem Absprung (letzter Schritt zu zögerlich)
    Korrektur: Anlauf- und Absprungschulung ohne Latte. Langsamerer Anlauf mit aktiver Steigerung am Schluss
  • Fehler: Flacher Absprungwinkel (zu wenig Höhe, zu viel Weite)
    Korrektur: Vertikale Kraftkomponente betonen – Stufe 1 und 2 wiederholen, Schwungbein höher ziehen
  • Fehler: Nur ein Arm schwingt
    Korrektur: Doppelarmzug bewusst üben (beide Hände gleichzeitig nach oben)

Was passiert beim Absprung?

Beim Absprung wird die horizontale Bewegungsenergie des Anlaufs in eine möglichst grosse vertikale Kraft umgewandelt. Dieser Prozess dauert nur wenige Hundertstelsekunden und erfordert eine perfekte Koordination von Fuss, Knie und Hüfte.

Die zentrale Frage der Biomechanik lautet: Wie entsteht aus horizontaler Bewegung eine optimale vertikale Flugbahn?

Die wirkenden Kräfte beim Absprung

Am Absprungbein wirken im Moment des Absprungs zwei wesentliche Kräfte gleichzeitig:

  • Horizontale Kraft (Fh): Die Bewegungsrichtung des Anlaufs. Sie entsteht durch die Anlaufgeschwindigkeit und wirkt parallel zum Boden.
  • Vertikale Kraft (Fv): Der aktive Streckeimpuls des Absprungbeins gegen den Boden. Sie wirkt senkrecht nach oben.

Diese beiden Kräfte addieren sich vektoriell zur resultierenden Kraft (Fres).

Note

Resultierende Kraft – Vektoraddition

Die resultierende Kraft ist die vektorielle Summe aller angreifenden Kräfte. Beim Absprung gilt:

Fres = Fh + Fv (Vektoren!)

Grafisch wird die resultierende Kraft als Diagonale im Kräfteparallelogramm dargestellt. Der Winkel dieser Diagonalen zur Horizontalen bestimmt den Absprungwinkel – und damit die Flugbahn des Springenden.

Je grösser Fv im Verhältnis zu Fh, desto steiler der Absprungwinkel und desto grösser die erreichbare Höhe.

Optimaler Absprungwinkel

Aus der Physik (schiefe Wurfbahn) ist bekannt, dass bei gleicher Anfangsgeschwindigkeit ein Absprungwinkel von 45° die maximale Wurfweite ergibt.

Beim Hochsprung ist jedoch die Höhe das Ziel, nicht die Weite. Ausserdem müssen Anatomie und Bewegungszeit berücksichtigt werden. In der Praxis liegt der optimale Absprungwinkel beim Fosbury Flop zwischen 40° und 55° zur Horizontalen.

Zu steile Absprungwinkel verringern die Anlaufgeschwindigkeit zu stark; zu flache Winkel liefern zu wenig Höhe.

Armzug und Schwungbein – Impulsübertragung

Neben dem Absprungbein tragen weitere Körperteile aktiv zur Kraftentwicklung bei:

  • Schwungbein: Das freie Bein wird explosiv nach oben-vorne gezogen. Dieser Impuls wird über den Körper an den Absprung übertragen und erhöht die vertikale Komponente Fv.
  • Arme: Beide Arme schwingen gleichzeitig nach oben. Auch dieser Schwung überträgt Impuls in die vertikale Richtung.
  • Absprungbein: Muss in kürzester Zeit vollständig strecken (Fuss – Knie – Hüfte – Schulter in einer Linie).

Die koordinierte Gleichzeitigkeit aller drei Elemente erzeugt die maximale resultierende Kraft.

Reflection

Reflexion: Kraft und Technik

Beobachten Sie Videoaufnahmen von Hochsprungläufen und beantworten Sie folgende Fragen:

  • Zu welchem Zeitpunkt ist das Absprungbein vollständig gestreckt?
  • In welche Richtung zeigt die resultierende Kraft im Moment des Absprungs?
  • Wie gross schätzen Sie den Absprungwinkel? Ist er ähnlich bei allen Springenden?

Checklist

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